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manfred podzkiewitz

Archiv - 100 Jahre Abstimmung in Ost- u. Westpreußen


Nach dem 1. Weltkrieg, zu dessen Verlierern Deutschland bekanntermaßen gehörte, wollte sich der junge polnische Staat weitere deutsche Gebiete einverleiben. Zusätzlich zu den nach dem Versailler Vertrag dem Staat Polen zugefallenen Provinzen Posen und dem größten Teil Westpreußens, sollten auch der Bezirk Marienwerder, sowie im südlichen Ostpreußen der gesamte Regierungsbezirk Allenstein und der Kreis Oletzko polnisch werden.

Dagegen protestierte die Reichsregierung unter Friedrich Ebert (SPD) jedoch energisch und auf Fürsprache des britischen Premierministers David Lloyd George, einigte man sich, eine Volkabstimmung unter der angestammten Bevölkerung durchzuführen, um den weiteren Verbleib dieser Gebiete zu klären. Polnischerseits machte man sich damals große Hoffnungen, da man große Teile der masurischen Bevölkerung als polnischsprachig und somit pro-polnisch einschätzte.

Um eine gerechte und faire Abstimmung zu gewährleisten, wurden die Abstimmungsgebiete entmilitarisiert und einer vom Völkerbund (dieser war quasi die Vorläuferorganisation der UNO) aufgestellten internationalen Abstimmungskommission unterstellt. Zusätzlich sicherten britische und italienische Truppen den sicheren Ablauf der Abstimmung.

Am 11. Juli 1920 wurde abgestimmt. Die Ergebnisse der Wahlen waren eindeutig, im Bezirk Marienwerder stimmten 92,4% für den Verbleib, im Regierungsbezirk Allenstein waren es sogar 97,9%, die weiterhin Teil der Provinz Ostpreußen bleiben wollten. In der Provinz Posen, weiteren Teilen Westpreußens und Danzigs wurde keine Abstimmung zugelassen.



Karte der Abstimmungsgebiete (1)


Die Zustimmung zum Verbleib bei Ostpreußen, nach Landkreisen:

Kreis Marienburg: 98,1%
Kreis Stuhm: 80,3%
Kreis Marienwerder: 93,5%
Kreis Rosenberg: 96,9%
Kreis Osterode: 97,8%
Kreis Neidenburg: 98,5%
Kreis Allenstein: 90,3%
Kreis Rößel: 97,9%
Kreis Ortelsburg: 99,0%
Kreis Sensburg: 99,9%
Kreis Lötzen: 100%
Kreis Johannisburg: 100%
Kreis Lyck: 99,9%
Kreis Oletzko: 100%

Dieses Abstimmungsergebnis war für Polen besonders enttäuschend, da in einigen Landkreisen nach der Volkszählung von 1910 (also gerade einmal 10 Jahre davor), mehr als die Hälfte der Bevölkerung als Muttersprache "polnisch" angegeben hatte. Auf diese Leute hatte man gesetzt, doch kam es anders: Auch die meisten polnischsprachigen Preußen wollten nicht Teil eines polnischen Staates werden.

Selbst der polnische Nationalheld Marschall Jozef Pilsudski, Gründer des neuzeitlichen polnischen Staates, und selbst wenig zimperlich in Bezug auf Gebietsansprüche an die Nachbarn, sah die polnischen Ansprüche auf Ostpreußen kritisch, wie er Jahre später auch dem deutschen Außenminister Gustav Stresemann gegenüber äußerte:

"Ostpreußen ist unzweifelhaft deutsches Land. Das ist von Kindheit an meine Meinung, die nicht erst der Bestätigung durch eine Volksabstimmung bedurfte. Und dass dies meine Meinung ist, können Sie ruhig ihren Ostpreußen bei einer öffentlichen Versammlung in Königsberg zur Beruhigung mitteilen."

Somit blieben im Jahre 1920 die vorgenannten Landkreise als Teil der deutschen Provinz Ostpreußen bei Deutschland. Die westpreußischen Abstimmungsgebiete wurden als Regierungsbezirk Marienwerder der Provinz Ostpreußen zugeschlagen. Überall im Lande wurden Abstimmungsdenkmäler errichtet. Die Stadt Oletzko,  wo während der  Abstimmung keine einzige Stimme für Polen abgegeben wurde,  änderte  1928 sogar ihren Namen in Treuburg, um damit ihre Treue zu Ostpreußen zu bekunden.   Doch diese seltene Ausnahme in der Geschichte der Völker, wo die in einer Region Lebenden entscheiden durften, wohin Sie sich gehörig fühlen, die währte nicht lange.

Ganze 25 Jahre später, am Ende des 2. Weltkrieges, wurden die vorgenannten Gebiete besetzt und von den Siegern des Krieges dem polnischen Staat zugeschlagen. Doch diesmal wollte man für alle Zeiten auf "Nummer sicher" gehen, eine Abstimmungsniederlage wie 1920, die sollte es nicht mehr geben. Daher war die Ausweisung der deutschen Bevölkerung vorgesehen. Und eine Reichsregierung, die noch dagegen hätte protestieren können, die gab es ab Sommer 1945 auch nicht mehr.

Anläßlich des 100. Jahrestages der Volksabstimmung, fanden auch in Polen im Juli 2020 an verschiedenen Orten des damaligen Abstimmungsgebietes Gedenk- und Informationsveranstaltungen für historisch Interessierte statt. So auch in Lyck, wo auf dem Gelände der Lycker Kleinbahn eine solche besucht werden konnte. Die namhaften bundesdeutschen Medien erwähnten diesen historisch bedeutenden Jahrestag jedoch mit keinem einzigen Wort.


Bildnachweise:
(1) Autor: Furfur, Lizens CC BY-SA 3.0


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