Manfred Podzkiewitz


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Die Altpreußen, Volk im Dunklen


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Wer lebte eigentlich in dem Gebiet, welches uns später als Ostpreußen bekannt wurde, bevor sich ab dem 13. Jahrhundert im Zuge der deutschen Ostkolonisation deutschsprachige Siedler dort niederliessen?

Es waren baltische Stämme, die in 11 bekannten Stammesfürstentümern lebten. Sie waren die Urbevölkerung Ostpreußens, bevor mit dem Deutschen Orden das Land in die niedergeschriebene Geschichte eintauchte. Sie begegnen uns in alter Literatur als "Brus", "Prusai", "Pruzzen" oder "Preuszen". Nur wenige schriftliche Zeugnisse liegen von ihrer Lebensart und Kultur vor. Trotzdem ist der Wissenschaft ihre Kultur-, Lebens- und Glaubenswelt nicht gänzlich unbekannt. Das Siedlungsgebiet jener Stämme, die gemeinhin Prußen oder Preußen genannt wurden, umfasste in etwa das spätere Ostpreußen und einige Gebiete darüber hinaus. Zur besseren Abgrenzung zum späteren Staat Preußen werden diese Stämme gemeinhin Altpreußen genannt. Ab wann die Altpreußen dieses Gebiet besiedelten ist unbekannt, doch lassen archäologische Funde auf eine sehr lange Besiedlungskultur schließen.



Die Altpreußen verehrten wie viele nichtchristliche alteuropäische Völker die Natur. So waren, wie bei den alten Germanen, Thingplätze meist unter heiligen Bäumen und Hainen zu finden. In ihrer Naturreligion galt die ganze Natur als belebt und beseelt. Eichen, Ulmen und Eschen wurden häufig als Schutzbäume von Familien oder Siedlungen angesehen. Das Abschälen von Baumrinde am lebenden Baum galt daher als Frevel.

Neben dieser Naturverehrung gab es auch personifizierte Götter, wie der bärtige Perkunos, ein Donnergott - dem germanischen Thor vergleichbar. Daneben findet sich Potrimpos, der ewige Jüngling, Gott alles Schönen und der Fruchtbarkeit, Pikallos - der als hagerer Greis mit grauem Bart dargestellt wurde, so wie Allvater Odin bei den Germanen. Überhaupt ergeben sich viele Paralellen zu den germanischen Gottheiten und dem germanischen Glauben. Durch den Kontakt zu Germanenvölkern während der Zeit der Völkerwanderung könnten religiöse Einflüsse übernommen worden sein, doch da keine Schriftzeugnisse aus dieser Zeit vorliegen, ist dies nicht gesichert. Es ist jedoch bekannt, dass sich u.a. die Goten längere Zeit an der unteren Weichsel aufgehalten haben und mit den Altpreußen zusammenlebten. Gotische Gräber aus gleicher Zeit finden sich daher selbst noch im Masurenland direkt neben altpreußischen.

Von Reisenden der Vor-Ordenszeit wurden als Haupttugenden der Altpreußen die Gastfreundschaft, eine tiefe Religiosität sowie eine große Freiheits- und Friedensliebe berichtet. Während die weltlichen Fürsten die Herrschaft über das Land ausübten, wurde die Religion von Priestern und auch Priesterinnen vertreten. Den Hohepriester nannte man Kriwe, die lokalen Priester Weidelotten.

Und unsere Altpreußen hießen übrigens tatsächlich bereits damals "Preußen", denn so wurden Sie selbst in den ältesten Chroniken des deutschen Ordens bezeichnet.

Christianisierung und Eroberung Preußens

Nach einigen gescheiterten Versuchen masowischer Herzöge im Land der Preußen Fuß zu fassen, versuchte man anfangs des 13. Jahrhunderts mit Hilfe des Deutschen Ordens die Stammesgebiete der Altpreußen zu erobern und zu missionieren. Dagegen gab es von preußischer Seite allerdings erhebliche Widerstände. So sind der 1. große Preußenaufstand unter Herkus Monte im Jahre 1242 sowie der zweite Aufstand von 1260 bis 1272 zu nennen. Allerdings waren die Preußen den kampferprobten und gut organisierten Rittern des Ordens auf längere Frist militärisch unterlegen.

Mit der Aufgabe des Kampfes gegen den weiter vordringenden Deutschen Orden und der Taufe des letzten Sudauerfürsten, des Herzogs Skomand im Jahre 1283, erlosch ein selbstständiges altpreußisches Stammeswesen. Nach Skomand ist östlich von Lyck auch ein See benannt worden, wo sich Überreste einer altpreußischen Wallanlage befinden und Anfang des 20. Jahrhunderts ein umfangreicher Schatz aus dem 13. Jahrhundert gefunden wurde.

Das Verschwinden der altpreußischen Sprache

Mit dem Deutschen Orden und den vom Orden herbeigerufenen Neusiedlern kam, neben dem christlichen Glauben, auch die deutsche Sprache ins Land. In den vielen von deutschen Siedlern gegründeten Städten wurde in der Regel von Anfang an Deutsch gesprochen. Wer Handeln wollte, Schriftstücke aufsetzen lies, Lesen und Schreiben wollte, der war auf die deutsche Sprache angewiesen, da es kein niedergeschriebenes Preußisch gab, welches man z.B. in einer Schule hätte lernen können. So gewann das Deutsche immer mehr an Bedeutung, einfach schon aufgrund der Tatsache dass es eine Schriftsprache war. Die preußischen Bauern aus dem Umland, welche die Märkte in den Städten belieferten, Sie mußten Deutsch können, weil ihre Kunden nur Deutsch sprachen. Und wie sollte man Quittungen schreiben, Bestellungen aufnehmen, ohne diese Dinge aufschreiben zu können. Und so setzte sich das Deutsche immer mehr durch, während das Preußische immer mehr an Bedeutung verlor. Wer seine Kinder auf die Schule schickte, dort mußten Sie sowieso Deutsch lernen, wer für den Staat arbeiten wollte ebenso. Also konnte man die Sprache auch gleich ganz übernehmen, niemand brauchte mehr das Altpreußische. Letzte Reste der altpreußischen Sprache hielten sich in abgelegenen Gemeinden im Samland bis ins 16. und 17. Jahrhundert. Danach gibt es keine gesicherten Informationen darüber, ob noch irgendwo in nennenswertem Rahmen Preußisch gesprochen wurde.

Die heute noch existierende litauische Sprache ist übrigens eng verwandt mit der Altpreußischen und wurde noch über die Jahrhunderte bis in die Neuzeit v.a. in nördlichen und nordöstlichen Landesteilen als Umgangssprache gebraucht. Sie hielt sich länger, weil es nebenan noch den litauischen Staat gab, wo man die Sprache verwenden konnte. In den meisten anderen Landesteilen Ostpreußens wurde jedoch Deutsch gesprochen, wenn auch in sehr verschiedenen Mundarten. Bei namenskundlichen Untersuchungen hat man festgestellt, daß etwa ein Drittel der Anfang des 20. Jahrhunderts in Ostpreußen lebenden Menschen ihre Herkunft auf altpreußische Vorfahren zurückführen konnte. Auch ein deutlicher Beleg, dass die Altpreußen eben nicht ausgerottet wurden.

Ein altpreußisches Sprachbeispiel

Nachfolgend ein kleines Sprachbeispiel des Altpreußischen und zwar die ersten drei Gebote des Luther-Katechismus in ihrem mittelhochdeutschen Original und der Übersetzung ins Altpreußische.

1. Gebot:
Mittelhochdeutsch: Du solt nicht ander Götter haben
Altpreußisch: Thou ni tur kittans deiwans turretney

2. Gebot:
Mittelhochdeutsch: Du solt den namen Gottes nicht unnützlich führen
Altpreußisch: Thou ni tur schan emnen twaise deiwas ny anterpinsquan menentwey

3. Gebot:
Mittelhochdeutsch: Du solt den Feiertag heiligen
Altpreußisch: Thou tur schan lankenan deinan swintinwey


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