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Genealogie - Die Veränderung der Familiennamen in Ostpreußen


Zu früheren Zeiten, als die meisten Menschen des Lesens und Schreibens unkundig waren, es noch keine Personalausweise und Standesämter gab, da oblag es dem Schreiber oder dem Pastor den Familiennamen in ein Dokument zu schreiben. Im Regelfall schrieb man nach Gehör. Hierbei war es bei bekannten Namen wie Schulze und Müller noch recht einfach, bei Namen aus anderen Sprachen oder Regionen, oder komplizierteren Namen, kam es jedoch allzuoft zu Fehlern oder der Name wurde absichtlich in die lokale Sprachform gewandelt und so dann auch niedergeschrieben.

Im ostpreußischen Bereich, wo man im Zentrum und den Städten deutsch sprach, im südlichen Randbereich vielfach masurisch-polnisch und im Norden litauisch, konnte ein Umzug auch mal zu einem völlig neuen Familiennamen führen. Dabei wurde der Name polonisiert, eingedeutscht oder litauisiert, um ihn der lokalen Aussprache anzupassen. Namen, die mit dem preußischen -witz endeten, wurden litauisiert zu einem -waitis oder zu einem polnischen -wicz umgeformt und umgekehrt.


Ein Beispiel: Wer mit dem deutschen Familiennamen „Schneider“ in einen polnischsprachigen Bereich wechselte, konnte so zum Familiennamen „Sznajder“ kommen. Wer in eine litauischsprachige Gemeinde umzog und eine Einheimische heiratete, der fand sich im Kirchenbuch plötzlich als "Schneidereit", „Szneidereit“ oder „Szneidereitis“ wieder. Der Nachname Paul wurde zu Pauloweit, ein „Becker“ wurde so zum „Beckereit“ und „Simon“ zu „Simonaitis“ oder "Simoneit". Ein "Naujok" zum "Naujokatis" bzw. zur "Naujokate", wenn es sich um eine Frau handelte und die Ehefrau eines Petkewitz bekam die weibliche Endung Petkewitzene, wie man auch im nachfolgenden Bild sehen kann.


Bild oben: Der Sterbeeintrag aus dem Kirchenbuch von Tilsit (1808) der Agutte (Auguste) Petkewitz mit litauischer weiblicher Endung.


Unterschiede in der Namensendung bei Männern und Frauen, gab es bis Mitte des 19. Jahrhunderts übrigens nicht nur im litauischen sondern auch im deutschen Sprachgebrauch. Den Frauen wurde bis zu dieser Zeit ein -in an den Namen gefügt, so wurde aus der Elisabeth Müller, die Müllerin - aus der Katharina Schulz, die Schulzin. Wer also beispielsweise einen Heinrich Schulzin in seiner Ahnenreihe hat, kann davon ausgehen, daß irgendwann unter dessen Vorfahren, eine uneheliche Geburt ohne bekannten Kindsvater zu finden ist. Das Kind bekam in diesem Fall dann den Nachnamen der Mutter. Auch im polnischen finden wir diese, da wurde der Frau oft noch ein -ka an den Namen gehängt.


Im Süden Ostpreußens, wo das polnische verbreitet war, hier aus dem Kirchenbuch von Schimonken im Kreis Sensburg: Statt Podschewitz lesen wir hier die polnische Endung (-wicz), zusätzlich versehen mit der weiblichen Form (-ka), in diesem Falle dann Elsa Podschewiczka, die übrigens unglaubliche 103 Jahre alt geworden sein soll.


Noch ein Beispiel:  Hier aus dem Kirchenbuch Tilsit im Jahre 1806. Da schrieb der Pfarrer den Namen zunächst wie gehört ins Buch hinein, sinnierte dann aber: „...der Name wird auch Puszkelis und Poszkelis und Poszkewitz genannt; Puszkelis scheint der richtige zu sein.“ In solchen Fällen machte man dann auch bei den Vornamen nicht halt. Aus Jürgen wurde Jurgis, aus Michael der Mikkel oder Mikkelis, aus Friedrich (Fritz) ein Fritzus und Auguste hieß fortan Aguzze.


Kirchenbuch Tilsit: Hier hat der Pfarrer "laut gedacht", welches denn nun der richtige litauische Name für diesen Zugezogenen sei.

Warum manche Namen geändert wurden, manche in der Ursprungsform stehen blieben, ist nicht immer ganz nachvollziehbar. Manchmal war es der gleiche Pfarrer der Änderungen durchführte, andere Namen so stehen ließ oder beim späteren Tod der Person wieder die Ursprungsform verwendete und seine eigene Kreation ignorierte.

Mit dem Aufkommen der Nationalstaaten am Ende des 19. Jahrhunderts ergaben sich neue Ansätze zu Namensänderungen. Da war es plötzlich beliebt einen möglichst deutsch klingenden Namen zu haben. Diese Änderungen erfolgten aber i.d.R. auf Wunsch bzw. mit Zustimmung des Namensträgers. Zumal viele der damals  neu geschaffenenen Standesämter nun Wert darauf legten, daß ein im Ort vorkommender Familienname einheitlich geschrieben wurde. 

Einen größeren Andrang zu Namensänderungen in Ostpreußen gab es aber erst Ende der 30er Jahre im Nationalsozialismus. Jedoch wurden die meisten dieser Änderungswünsche aufgrund des Krieges nicht mehr berücksichtigt. Das Kriegsende wiederum brachte für eine Personengruppe erneut Namensänderungen mit sich. Diesmal aber zwangsweise. Die Menschen, die nicht geflohen waren und denen der weitere Verbleib von den neuen Machthabern gestattet wurde, mußten dazu nicht nur ihre deutsche Staatsbürgerschaft niederlegen sondern auch ihren Namen ändern. Dieser durfte auf keinen Fall mehr deutsch klingen.


Fazit:Mit dem Wissen, daß Namen - ganz besonders auch in Ostpreußen und den Regionen drumherum, zu allen Zeiten eine Änderung erfahren haben könnten, sollte man daher auch nach Abweichungen des eigenen Familiennamens suchen und solche Funde nicht einfach ignorieren.

Doch selbst  grobe phonetische Abweichungen muß man dabei noch in Betracht ziehen.  Ein Waschke kann auch mal als Baschke, Wuschke, oder Wäschke niedergeschrieben  sein oder ein Artmann als  Hartmann und umgekehrt. Und bedenken Sie, auch nach der Einrichtung der Standesämter und der Einführung allgemeinen Schulpflicht, gab es vielfach noch Änderungen, absichtliche, wie auch unabsichtliche.


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© Autor: Manfred Podzkiewitz, alle Rechte vorbehalten