1923:  Die Annexion des Memellandes durch Litauen

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Als Memelland wurde der nördlichste Teil der deutschen Provinz Ostpreußen bezeichnet. Es beinhaltete alle Gebiete nördlich des gleichnamigen Flußes, sowie den Nordteil der kurischen Nehrung bis hinunter nach Nidden. Größte Stadt des Gebietes war die Hafenstadt Memel (heutiger Name Klaipeda). Weitere Städte waren Heydekrug (Silute) und Pogegen (Pagegiai). Die Bevölkerung war zu über 90% evangelisch, während im benachbarten Litauen die katholische Religion vorherrschte. Der litauische Bevölkerungsteil des Memellandes sprach überwiegend Zemaitisch, ein Dialekt des Litauischen. Nach einer Volkszählung von 1925 waren 72,5% der Bewohner sogenannte „Kulturdeutsche“ und 27,5% Litauer.


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Nach dem Ende des für Deutschland verlorenen 1. Weltkrieges, sollte auch das Memelland von Deutschland abgetrennt werden und wurde im Sommer 1919 unter Kuratel des Völkerbundes (dem Vorläufer der UNO) gestellt. Eine Volksabstimmung über den zukünftigen Status, wie 1920 in Masuren durchgeführt, war nicht vorgesehen. Das Memelland wurde daraufhin von französischen Truppen besetzt. Die französische Schutzherrschaft begann am 10. Januar 1920 und wurde entsprechend einer französischen Provinz von einem Präfekten geführt.

Am 10. Januar 1923 nutzte Litauen deutsch-französische Streitigkeiten um Reparationszahlungen und ließ gut 1000 Bewaffnete in Zivil ins Memelland einmarschieren, um einen Volksaufstand der litauischen Bevölkerung vorzutäuschen.  Die von Frankreich in Memel eingesetzten Soldaten, etwa 200 Gebirgsjäger, leisteten keinen großen Widerstand, zogen sich nach 2 Tagen in ihre Kaserne und Präfektur in Memel zurück, die nachfolgend von den Litauern gestürmt wurde. Frankreich, das aktuell mehr mit der Besetzung des Ruhrgebietes beschäftigt war, zog seine Soldaten ab und am 16. Februar 1923 anerkannte eine Konferenz die faktische Oberhoheit Litauens über das Gebiet an.


Nach der Besetzung: Der litauische Premierminister Ernestas Galvanauskas in Memel. (1)

Die ersten Wahlen zum Landtag fanden 1925 statt und ergaben Stimmenanteile von gut 90% für die deutschsprachigen Parteien, die das Memelland entweder als unabhängigen Freistaat sehen wollten oder die Rückkehr zu Deutschland wünschten. Ein herber Schlag für Litauen, denn nicht einmal die Mehrzahl der Bewohner, die statt deutsch  litauisch/zemaitisch sprachen, votierten für litauische Parteien. Daraufhin wurde 1926 unter Kriegsrecht, die ein Jahr vorher gewährte Autonomie für das Memelland (eine Bedingung des Völkerbundes) wieder aufgehoben.

Die nachfolgenden Wahlen wurden weiterhin von der deutschsprachigen „Memelländischen Einheitsliste“ (MEL) klar gewonnen. Selbst 10 Jahre später erreichte die pro-litauische Liste nur maximal 5 von 29 Mandaten. Ein klares Votum der Bevölkerung.

Durch den Verlust der Autonomie waren die Wahlergebnisse aber politisch bedeutungslos, da die litauische Regierung in Kaunas (der damaligen Hauptstadt) die Vorgaben machte. Dazu gehörte auch eine zwangsweise „Litauisierung“ des eigentlich überwiegend deutschsprachigen Gebietes. Dies führte zu andauernden Verstimmungen mit Deutschland.

Als im März 1939 ein deutsches Ultimatum zur Rückgabe des Memellandes übergeben wurde, entschied sich das kleine Litauen diesem nachzugeben, um wenigstens den Fortbestand des Staates zu sichern, denn auf die Unterstützung des anderen großen Nachbarn Polen, konnte man nicht hoffen. Hatte dieser doch unter Vertragsbruch 1920 Teile des Landes militärisch besetzt und annektiert. Am 22. März 1939 unterschrieb Litauen daher einen entsprechenden Staatsvertrag mit Deutschland, zog nachfolgend seine Truppen ab und übergab das Memelland kampflos. Das Memelland wurde wieder Teil Ostpreußens.

Mit der Kapitulation Deutschlands am Ende des 2. Weltkrieges, dem Verlust aller Landesteile östlich von Oder und Neiße und der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung, wurde das Memelland Teil der litauischen sozialistischen Sowjetrepublik und seit 1990 der Republik Litauen.


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Bildnachweise:
(1) Litauisches Staatsarchiv, gemeinfrei
(2) Deutscher Schulatlas (ca.1922), gemeinfrei