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Ostpreußen Unerwartete Begegnung in Makoscheyen

Es war an einem sonnigen Sommertag, kleine Wolken zogen fliehend vorbei, als ich am Ortsrand des kleinen ostpreussischen Dörfchens Makoscheyen (Ehrenwalde) ankam. Die Seitenstraßen waren noch mit Kopfsteinpflaster gepflastert und links und rechts fanden sich kleine Häuser, meist nur grau verputzt. Von vielen Häusern bröckelte zwar schon der Putz herunter, doch man konnte sehen, daß sich die Bewohner im Rahmen ihrer Mittel viel Mühe gaben, denn die kleinen Gärten um die Häuser waren allesamt gepflegt. Der Putz war ihnen wohl weniger wichtig. Bei manchen Häusern konnte man durch das offene Fenster hineinsehen. Gelegentlich saßen alte Männer und Frauen vor dem Haus, einige grüßten.


Makoscheyen

Malkien-Fluß

Der leichte Sommerwind wehte sandigen Staub herum. Der Ort machte einen angenehmen Eindruck und die Sonne gab sich alle Mühe diesen freundlichen Eindruck noch zu verstärken. Als ich am anderen Ende des Ortes an eine kleine Brücke kam, unter der sich träge der Malkin-Fluß durchschlängelte, holte ich meine Videokamera hervor und begann zu filmen. Rechts neben dem Fluß, eine Weide mit jungen Pferden, die herumtollten. Linker Hand, eine Wiese auf der Schafe weideten und ein Storch stolzierte auf der Suche nach Nahrung umher. Ein anderer Storch kam aus dem Uferschilf, mit einem zappelnden Frosch im Schnabel und flog davon.


Ein Pferd auf der Weide

Es war ruhig, ungewohnt ruhig für einen Westeuropäer, der Zuhause immer irgendwelche Geräusche um sich hat. Kein Auto unterwegs, welches die idylle störte. Man konnte die Natur atmen hören. Ausser dem leisen Rascheln des Uferschilfs im Wind, war überall Stille, unterbrochen nur durch ein gelegentliches Blöken der Schafe. So stand ich eine Weile da und filmte diese Szenerie.

Ich merkte nicht, wie ein alter Mann auf mich zukam und neben mir stehen blieb. Er sprach mich auf polnisch an. Ich verstand lediglich das Wort "Reporter" und "Fernsehen". Ich antwortete ihm, weil ich kein polnisch sprechen konnte, auf deutsch und sagte ihm, daß ich  kein Reporter sei sondern Tourist  aus Deutschland.

Da leuchteten die Augen des alten Mannes auf und er sprach mich nun statt in polnisch in gebrochenen deutsch an. Ich blickte ihn fast ungläubig an. Sollte ich es hier mit einem der wenigen verbliebenen Deutschen zu tun haben? Ich fragte Ihn, woher er denn Deutsch könne?

Dies sei eine lange Geschichte, antwortete er. In seiner eigentümlichen Sprachmelodie, deutsche Worte, vermischt mit polnischen Sprachbrocken, da erklärte er mir, daß er aus einem Dorf aus Ostpolen aus der Nähe von Lemberg stamme und das in seinem Dorf damals, als er noch ein Kind war, viele deutsche Bauern lebten. Da hätte er von den Nachbarskindern, mit denen er immer spielte, deutsch gelernt.
 
Nach dem Ende des großen Krieges sei er mit seiner Familie hierhergekommen. Die "Roten" hätten damals alle - die keine Russen waren - hinausgeworfen, aus seinem Dorf bei Lemberg. Als er dann hier angekommen war, lebten hier schon nurmehr Polen. Im Nachbardorf hätte es noch ein paar Deutsche gegeben, aber die seien dann auch verschwunden, wahrscheinlich nach Deutschland gegangen, wie er vermutete.

Plötzlich näherte sich ein Motorengeräusch und der alte Mann sagte mir, dass er nun gehen müsse. Ich wunderte mich warum? Er zeigte nur auf den herannahenden Bus. Ich hatte das Schild gar nicht bemerkt, nicht beachtet - das ich hier direkt an einer Bushaltestelle stand, so unscheinbar versteckt und verdeckt vom Blattwerk eines Baumes war das alte Haltestellenschild. Der Bus hielt an, der alte Mann wünschte mir noch Alles Gute und verschwand im Bus, der kurz darauf seine Fahrt fortsetzte.

So überraschend wie diese Begegnung zustande kam, so schnell endete Sie auch wieder. Und so stand ich ermeut allein am Ufer des Malkien-Flußes, mitten in Ostpreußen und war noch ganz gefangen von der Geschichte des alten Mannes. Ich stand noch lange da und sinnierte vor mich hin, bevor ich meine Kamera wieder einpackte. Im Geburtsort meines vertriebenen Vaters, der gehen mußte, weil er Deutscher war, begegne ich einem Polen, der auch von Zuhause weggehen mußte, weil er Pole war. Sachen gibts....


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© Autor: Manfred Podzkiewitz, alle Rechte vorbehalten